Mein Fotoprojekt 2017: Typisch Deutsch!

Mit „Typisch Deutsch“ möchte ich Stereotypen aufbrechen, Wahrnehmung hinterfragen und vorschnelle Schlüsse zum Stolpern bringen. Es ist 2017 mein analoges persönliches Fotoprojekt, das zumindest die erste Hälfte des Jahres meine freie Zeit füllen wird. Mich nerven nämlich aktuelle politische Strömungen, die das „Deutsch sein“ auf einen Pass beschränken, aber nur, wenn es passt. Auch das racial profiling bei der Polizeiarbeit muss aufhören – verboten ist es ja eh schon. Und was bedeuten bitte Formulierungen bei der Beschreibung von Verdächtigen, wie zum Beispiel „südländisches Aussehen“? All das sind Teilaspekte eines großen Ganzen, das mich seit einiger Zeit umtreibt und mich überlegen ließ, wie ich etwas mit meinem Mittel der Fotografie zu dem Thema beitragen kann. Aus diesen Überlegungen ist das Projekt „Typisch Deutsch“ entstanden. Ich fotografiere hierbei Menschen, die auf den ersten Blick dem stereotypen Bild eines Deutschen nicht entsprechen, aber einen deutschen Pass haben und gleichzeitig Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung durchaus als Deutsche durchgehen würden, aber gar keine Deutschen sind.

Ich bin mit Star Trek aufgewachsen, das damals noch Raumschiff Enterprise hieß. Das überwiegend friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen hat mich fasziniert und geprägt. Menschen wurden auf Grund ihrer Fähigkeiten geschätzt und nicht auf Grund von Aussehen oder gar Papieren.

Der deutsche Pass ist einer der stärksten Reisepapiere, die ein Mensch besitzen kann. Und trotzdem gilt das offensichtlich nicht für alle. Freunde, deren Aussehen mit PoC (People of Color) beschrieben werden kann, haben mir erzählt, wie es ist, als Nicht-Weißer in Gegenden wie Dresden über die Strasse zu gehen. Ich selbst habe bei meinen Reisen in Indien und Uganda festgestellt, wie es ist, allein durch Aussehen in der Öffentlichkeit aufzufallen – aber mir wurde überwiegend Freundlichkeit entgegengebracht. Davon können bestimmte Menschen in Deutschland nur träumen.

Mein Projekt ist schon in vollem Gange, die ersten 15 Portraits habe ich schon fotografiert. Alle ganz schlicht in schwarz-weiß und mit einer alten Hasselblad. Kein spektakuläres Licht, einfach nur den Mensch in den Mittelpunkt gerückt. Genau wie der Fotograf Ted Grant es formuliert hat:

“When you photograph people in color, you photograph their clothes. But when you photograph people in black and white, you photograph their souls!”

Nun bin ich natürlich auf der Suche nach weiteren Menschen, die sich gerne für mein Projekt zur Verfügung stellen möchten. Wenn du also als Deutscher nicht den stereotypen Vorstellungen eines Deutschen entsprichst, vielleicht schon negative Erfahrungen mit beschränkten Leuten gemacht hast („Geh doch da hin, wo du her kommst!“ Antwort des PoC: „Was soll ich denn jetzt in Lübeck?“), dann würde ich mich sehr freuen, wenn du mit mir Kontakt aufnimmst. Ebenso freue ich mich über deine Kontaktaufnahme, wenn du wie ein Deutscher aussiehst, aber gar keiner bist!

Als Beispiel hier mal einige meiner Portraits verbunden mit der Frage: und wer von den Abgebildeten hat jetzt keinen deutschen Pass? Kleiner Tipp: das trifft nur auf eine Person zu.

Das Fotografieren selbst dauert rund eine halbe Stunde. Die Verwendung selbst ist noch nicht 100%ig geklärt. Aktuell befinde ich mich in guten Gesprächen mit der Millerntor Gallery. Im Hinterkopf habe ich aber noch andere Austellungen und eine Webseite. Aber natürlich muss sich das auch erst mal entwickeln. Die ersten Fototermine waren jedenfalls voller Freude und haben meiner Wahrnehmung viele neue Aspekte hinzugefügt. Ich bin gespannt, wohin mich die Reise mit den „Typisch Deutsch“ Portraits noch führt.

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30 comments

  1. Das empfinde ich wirklich als sehr guten Ansatz,
    bitte um Info, wann es mehr zu sehen gibt in einer Ausstellung. So sollte jeder in seinem Bereich wirken und immer wieder darauf hinweisen, wieviele solcher Vorurteile, Stereotypen, Allgemeinplätze uns täglich präsentiert werden und als normal und selbstverständlich akzeptiert werden.

  2. Ich würde gern mitmachen, erfülle die Kriterien jedoch nicht. Wobei ich oft für eine Französin gehalten werde, wenn ich im Ausland bin – aber das zählt wohl nicht.
    Auf jeden Fall ein tolles Projekt! Viel Spaß

  3. Stefan, was für ein tolles Projekt!

    Ich bin sehr gern dabei!

    Werde oft gefragt „Wo kommen Deine Eltern eigentlich her?“ Und wenn ich raten lasse, kommen die Leute auf unterschiedlichste Nationalitäten – wohl auch abhängig von meinem tagesaktuellen Styling und von meiner Tagesform.

    Geraten wurde bislang mehr als 10 Nationen (in Mehrfachbennung!).
    Ich mag das sehr.

    Und wenn Du magst, lass ich mich von Dir gern ablichten.

    LG

  4. Hi Stefan,
    ich würde sehr gern mitmachen! Ich sehe aus wie eine Deutsche, habe aber nur die amerikanische Staatsbürgerschaft (was mir das Leben derzeit nicht leicht macht). Wann fotografierst du wieder?

  5. Die Idee gefällt mir! Aber ich grüble jetzt schon ein paar Minuten, wie „typisch Deutsch“ eigentlich aussieht… und ob ich „typisch Deutsch“ aussehe… bzw. warum einige der Menschen auf den Beispiel-Portraits nicht „typisch Deutsch“ aussehen…

    1. Ich stelle mir, schon sehr lange, die Frage was sind Deutsche? (oder sollte ich besser Eingeborene sagen?) Ist es der Pass? Der kulturelle, geschichtliche Hintergrund, die Sprache, Geburtsort?
      Mir ist die Nationalität egal, als Barrieren stellen für mich eher Werte, nicht die materiellen, sondern Ethik, Moral, „Anstand“, eine Rolle, vielleicht noch die Sprache.

      Haben Deine Modelle nur einen Pass oder auch mehrere?
      Was ist man dann?

    2. Ich bin dir in deinen Gedankengängen sehr nah. Aber ich gehe auch fest davon aus, dass Leute, die mir hier folgen, sehr ähnlich darüber denken. Das ist gut!
      Ich möchte eh eher die Menschen zum Nachdenken animieren, die sich diese Gedanken bisher noch nicht so detailliert gemacht haben.

  6. Kritikpunkt1 man kann den Text im Smartphone nicht kopieren um ihn im Kommentar zu zitieren. Man bekommt eine Warnung das die Bilder Urheberrechtsgeschütz sind.

    Kritikpunkt2 deine Projektbeschreibung macht genau die Dinge die du beseitigen möchtest, damit verringerst du das Problem nicht sondern wirst zum Teil des Problems.

    1. Ich weiß, dass die Beschreibung nicht optimal ist, weil ich etwas beschreiben muss, das ich nicht beschreiben will. Ich glaube aber nicht, dass ich Teil des Problems bin. Für Verbesserungsvorschläge bin ich aber immer offen.

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