„Entschuldigung, darf ich sie fotografieren?“ Ich stehe mitten in einem Markt an einer der Hauptverkehrsstrassen in Kampala. Der in der Nähe liegende Busbahnhof wird später viele Menschen auf dem Weg vom Feierabend in das angrenzende Wohngebiet aus einfachen Hütten in die engen Gassen drücken. Jetzt ist noch nicht viel los, aber der einsame Metzger mit seinen verloren wirkenden Fleischstücken bekommt sofort meine Aufmerksamkeit. Auch wenn ich kein Fleisch esse, sieht seine Auslage gut aus. Die übrig gebliebene Schwanzbehaarung zeigt die Echtheit des Fleisches. Ungewöhnlich für europäische Verhältnisse, wo scheinbar niemand wissen will, dass das, was man isst auch mal gelebt hat. Die Darbietung des Fleisches wirkt nicht appetitlich, bringt aber ebenso Struktur ins Bild wie der ungleichmäßige Hintergrund. Gerne hätte ich ein Bild von der für europäische Augen ungewöhnlichen Szenerie.

Jinja Road, Kampala

Ich bin in Uganda und hier ist es ratsam, vorher um Erlaubnis für ein Bild zu fragen. Die Menschen hier sind überwiegend sehr gläubig und ein Foto raubt ihnen ein Stück ihrer Seele – sagen sie. Ich bin daher auf ein „Nein“ gefasst – ich habe es in den letzten vierzehn Tagen oft gehört und kann trotz der tollen Szenerie damit leben, denn es geht nicht um Pulitzerpreise. Aber der Fleischverkäufer antwortet mit freundlicher Stimme ganz anders: „Sie dürfen mich nicht fotografieren, denn sie sind Europäer und die mögen keine Schwarzen. Sie denken, wir wären minderwertig.“ Bumm! Tausende Kilometer weit weg vom Rechtsruck in Europa holt er mich hier in der Hitze Afrikas ein.

Wir unterhalten uns die nächsten gut zwanzig Minuten und ich versuche zu verdeutlichen, dass er zwar nicht Unrecht hat, aber es durchaus auch viele andersdenkende Europäer gibt. Ich lerne viel in dem Gespräch. Über Uganda, über Reisemöglichkeiten, über den unglaublichen Reichtum des weissen Europas, über Rassismus,… Meine Reisezeit in Uganda ist fast vorbei und jetzt zwingt mich dieses Gespräch intensiv über meine Beweggründe zur Reise nachzudenken. Es ist ein interessanter Austausch.

Schließlich kann ich den Verkäufer von meiner Ernsthaftigkeit überzeugen, da ich ihm ein Bild auf meinem iPhone zeigen kann, dass in einer ugandischen Wohnung fotografiert wurde. Liebenswerterweise wurde ich zusammen mit den Mitreisenden von Viva con Agua am Vorabend von Nobert’s Mutter zum Essen in ihr Haus eingeladen. Nobert ist einer der Hauptpersonen bei dem Versuch Viva con Agua in Kampala auf die Beine zu stellen. Auf dem Bild stehen wir alle mit seiner Familie im Wohnzimmer – und auf dem Bild sind mit Megaloh und dessen DJ und Produzent Ghanaian Stallion zwei seiner Hautfarbe aus Deutschland. Der Fleischer schaut intensiv in meine Augen und will es genau wissen. Er hat nun auch was über Europa gelernt. Immer noch freundlich stimmt er meinem Wunsch nach einem Foto zu.

 

Das Foto ist mir mittlerweile gar nicht mehr so wichtig. Das tiefgehende Gespräch mit dem fremden, einsamen Fleischverkäufer über alle Sprachbarrieren hinweg war viel wichtiger.