Free Bobi Wine
Stefan Groenveld

2016 war ich mit Viva con Agua in Uganda. Dabei habe ich Bobi Wine kennengelernt. Er ist ein absoluter Musik – Megastar in Uganda: vergleichbar mit Helene Fischer, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer in Deutschland – allerdings in einer Person. Bobi Wine unterstützt(e) Viva con Agua mit seiner Popularität und ich lernte ihn als unkomplizierten Künstler kennen. Es folgt eine Geschichte, die sich wie ein schlechter Politthriller liest, aber leider wahr ist. Ich fasse für dich die vielen übereinstimmenden Nachrichtenmeldungen und Informationen unabhängiger Stellen, sowie von Augenzeugenberichten zusammen.

Kurze Einleitung zur Person Bobi Wine

Bobi Wine heißt eigentlich Robert Kyagulanyi Ssentamu und ist in einem der ärmsten Viertel in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, aufgewachsen. Daher trägt er den Beinamen “Ghetto President”. 2016 war ein Wahljahr und er hat sich, als einziger Musiker, der sich im Wahlkampf nicht vom amtierenden Präsidenten Museveni zu einer Lobeshymne hat zwingen lassen, sehr beliebt gemacht. Schon bald zog das Ärger nach sich, aber Bobi Wine ist ein politischer Mensch: bei einer Nachwahl zum Parlament stellte er sich in seinem Bezirk auf, setzte sich durch und ist seit 2017 Mitglied des Parlaments. Trotz seines Engagements konnte er es nicht verhindern, dass Yoweri Museveni die Altersgrenze für die Wahl zum Präsidenten aufhob. Seit 1986 ist dieser im Amt und will offensichtlich 2021 wieder kandidieren. Dann wäre er 77 Jahre alt – in Uganda liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 57, Bobi Wine ist 37…

Der 13. August in Arua

Arua ist ein Bezirk im Nordwesten von Uganda, an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Am 13. August folgte ich Bobi Wine mittels Facebook Video auf einer Wahlkampfveranstaltung. In Arua war eine weitere Parlamentsnachwahl und er machte Werbung für Kassiano Wadri, einem der Kandidaten – und natürlich kein Gefolgsmann von Museveni. Tausende lauschten vor Ort den Worten von Bobi Wine. Das nächste, was ich von Bobi Wine las, war ein Tweet mit einem Foto seines erschossenen Fahrers, der dabei auf dem Beifahrersitz saß! Eine Spezialeinheit des ugandischen Militärs durchforstete wenig später das Hotel von Bobi Wine und misshandelte ihn bei seiner Festnahme schwer. Neben ihm, wurden noch weitere 35 Menschen festgenommen und zum Teil schwer gefoltert. Unter ihnen auch Journalisten und weitere Mitglieder des Parlaments. Kassiano Wadri gewann die Wahl in Arua aus dem Gefängnis heraus.

Nun saß Bobi Wine also mit schweren Verletzung in einem Militärgefängnis und sollte bald vor einem Militärgericht wegen Waffenbesitzes angeklagt werden. Das Hotel verkündete nach Bekanntwerden des Vorwurfs sofort, dass in Hotelzimmern keine Waffen erlaubt seien und dies auch kontrolliert werden würde. Museveni warf Bobi Wine vor, an den Steinwürfen gegen seinen Konvoi mitschuldig zu sein, denn er hätte die Versammlung geleitet von denen Teilnehmer ein Auto mit Steinen entglast hatten. Der Präsident war nicht vor Ort und die Versammlung zum Zeitpunkt der Steinwürfe längst vorbei. Davon abgesehen galten die Steine einem Fahrzeug, bei dem vermutet wurde, dass vorausgefüllte Wahlzettel in Wahlbüros gefahren werden sollten. Mittlerweile ist auch klar, dass die tödlichen Schüsse nur deswegen Bobi Wine nicht getroffen haben, weil er kurzfristig mit einem anderen Auto zum Hotel gefahren war.

Internationale Solidarität

In den folgenden Tagen nach der Festnahme gab es viele internationale Aktionen. “Free Bobi Wine” war in vielen Ländern ein trendender Hashtag. Auch in Hamburg kamen musikalische Weggefährten aus 2016 zusammen und gaben ein Solidaritätskonzert. Danke an Viva con Agua für die Organisation des Konzerts.

Tatsächlich wurde Bobi Wine wenig später vom Militärgericht freigesprochen und beim Verlassen des Gerichtsgebäudes von den Zivilbehörden festgenommen. “Landesverrat” lautet nun der Vorwurf. Darauf steht in Uganda die Todesstrafe. Landesverrat ist übrigens auch der Vorwurf gegen Kizza Besigye, der bei den letzten drei Präsidentschaftswahlen der Unterlegene war (teilweise unter Hausarrest) und der sich mittlerweile das zweite Mal wegen Landesverrat vor Gericht verantworten muss.

Bobi Wine wurde nun zunächst gegen Kaution freigelassen, damit er seine vielfältigen Verletzungen behandeln lassen kann. Aktuell ist er in den USA. Seine genehmigte Ausreise funktionierte erst beim zweiten Mal – beim ersten Mal wurde er am Flughafen erneut vom Militär misshandelt. Apropos Militär: die detaillierten Beschreibungen der Misshandlungen von Bobi Wine kommentierte ein Sprecher des Militärs heute mit “So foltern wir nicht.” Da bleibt die Frage, wie normalerweise in Uganda gefoltert wird…

Ich wünsche Robert Kyagulanyi Ssentamu und allen anderen mit ihm Inhaftierten gute Besserung. Mögen sie gestärkt aus dieser Auseinandersetzung gehen.

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