Kinder

Vielleicht erinnerst du dich noch, dass ich im November in Indien war. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass ich dir gar nicht die Bilder von meiner kleinen Rundfahrt in der zweiten Woche gezeigt habe. Das kommt jetzt. Von Varanasi bin ich mit dem Zug für einen Tag nach Agra gefahren. Danach ging es weiter nach Mathura und Vrindavan, die so dicht nebeneinander liegen, dass ich beide Orte von einem Standort aus bereisen konnte. Nach zwei Tagen in diesen beschaulichen Orten fuhr ich für die letzten zwei Tage meiner Reise nach Delhi.

Agra kennt jeder wegen des Weltkulturerbes, das dort steht und Taj Mahal heißt. Eigentlich wollte ich da gar nicht rein, denn wen interessieren schon Gebäude? Andererseits: wie oft hat man die Gelegenheit das Taj Mahal zu sehen? Also habe ich mich von dem 10mal höheren Eintrittspreis für Nicht-Inder (750 Rupien für Ausländer, 70 Rupien für Inder) nicht abschrecken lassen, dort doch einen Vormittag verbracht und Menschen von Frankreich bis Ghana gesehen. Ich gebe zu, dass es ein beruhigendes Gefühl auslöst – trotz der Menschenmassen – im Areal vom Taj Mahal zu verweilen. Für den höheren Eintrittspreis bekommt der Ausländer übrigens Überzieher für seine Schuhe und muss diese nicht ausziehen…

Wenn man allerdings gerade in Varanasi war, ist Agra trotz Taj Mahal einfach kein schöner Ort. Interessanterweise wurde ich darauf schon vom Rikschafahrer in Varanasi hingewiesen. Fazit: Wenn du Indien besuchst, kannst du Agra problemlos links liegen lassen.

Ach ja: einen spannenden Ort gibt es in Agra doch: das Sheroes Hangout! Sicherlich weißt du, dass Frauen in Indien nicht immer und überall ein hohes Ansehen geniessen. Im Café „Sheroes Hangout“ arbeiten Frauen, die einen Säureangriff ihrer nächsten Verwandten überlebt haben. Sie zeigen dort ihre Kunst und erzählen ihre Geschichten. Zum Beispiel von der Schwiegermutter, die die Frau ihres Sohnes umbringen wollte, weil diese keine Söhne zur Welt brachte. Jede Frau dort hat ihre eigene Geschichte und jede ist für ein aufgeklärtes westliches Verständnis unerklärlich. Bring Zeit und ein offenes Ohr mit. Mit dem Café sammelt die Organisation „Stop Acid Attacks“ Geld für Aktionen und Aufklärung. Erste Erfolge können verzeichnet werden. Die Säureattacken sind im indischen Journalismus und in der Politik als Problem angekommen.

Insgesamt hat mich aber Agra nicht so überzeugt. Vielleicht lag es auch an den vielen Touristen…

Am nächsten Tag startete ich sehr früh nach Mathura. Allerdings hatte ich kein Geld mehr und musste erst mal an einen Geldautomaten. Das war ein denkwürdiges Erlebnis. Glücklicherweise hatte ich einen sehr verständnisvollen Rikschafahrer, sonst wäre ich wohl einem Nervenzusammenbruch erlegen. Immerhin hatte ich in Deutschland meiner Bank gesagt, dass ich in Indien bin und sie meine Karte entsprechend freischalten mögen. In Varanasi hat ja auch alles geklappt, aber in Mathura wollte mir keiner der Automaten Geld geben. Auch freundliche Schalterbeamte zuckten mit den Schultern. Wobei es schon sehr interessant war, mit fünf anderen am Schalter in der ersten Reihe zu stehen. Privatsphäre? PIN Code Eingabe ohne Leute, die dir auf die Finger schauen? Vergiss es – das ist Indien. Einer der Bankangestellten meinte, ich solle meiner Bank in Deutschland doch eine WhatsApp schicken. In Indien ist das völlig normal und heißt Kundenservice. Ich habe lieber in Deutschland angerufen. Glücklicherweise hat meine Bank einen 24 Stunden Notruf und ein Anruf mit meiner indischen Telefonkarte kostete auch nur 0,14€ die Minute. So erfuhr ich dann, dass mein Konto für einen Betrag bis 100€ freigeschaltet war – ich allerdings versucht habe umgerechnet 102,67€ abzuheben. Da muss man erstmal drauf kommen.

Da mich in Agra dann doch die Ergebnisse indischer Sauberkeit erwischt hatten, wollte ich in Mathura lieber ein etwas besseres Hotel beziehen. Habe ich auch gefunden, selbst wenn ich dank Verkehrskreuzung vor dem Fenster nur mit Ohrenstöpsel schlafen konnte. Aber auch daran gewöhnt man sich. Genauso wie an den Hotelconcierge der sich während unseres Gesprächs in der Nase popelte. In Indien ist vieles anders. Sehr viel.

Mathura ist ein kleines Städtchen mit gerade mal 350000 Einwohnern. Am Yamuna-Fluss gibt es ähnlich wie in Varanasi Ghats. Der Hinduismus ist hier sehr stark, hat aber einen leichten Hang zu Krishna. Da liegt ein kleiner, aber feiner Unterschied, wie ich am nächsten Tag erleben durfte.

Vrindavan ist ein liebliches Örtchen mit rund 60000 Einwohnern. Es ist allerdings sehr stark mit der Geschichte Krishnas verknüpft. Ich habe keine Ahnung vom Buddhismus und seinen unterschiedlichen Ausprägungen, aber soviel „Verrückte“ wie in Vrindavan habe ich noch nie erlebt. Selbst die Affen sind hier bekloppt. Überall wurde ich von freundlichen Bewohnern des Ortes gewarnt und ich sah auch, wie ein Affe einem Kind die Puppe aus den Armen riß. Gewarnt beäugte ich daher das Treiben der Affen aufmerksam. Das hat mich auch gerettet, als plötzlich ein Affe auf meine Schulter sprang und meine Brille klauen wollte. Ansonsten drängen einen Heerscharen von Menschen durch die engen Gassen zwischen den Tempel Krishnas.

Da mir Vrindavan selbst dann doch zu voll wurde, habe ich einen Abstecher ins Umland gemacht. Im Internet hatte ich Bilder von Kusuma Samowar gesehen. Eine kleine abgeschiedene Tempelanlage, die sehr viel Ruhe ausstrahlte. 25km fuhr ich mit der Rikscha und unterwegs war so wenig los, wie ich es in Indien noch nie erlebt hatte. Ich hatte schon Angst, von dort niemals wieder weg zu kommen.

Rund zwei Kilometer vor der Tempelanlage stoppte der Fahrer und meinte, dass er weiter nicht fahren dürfe. Tatsächlich waren auch Strassensperren aufgebaut. Und schwups befand ich mich mitten in einer langen Reihe wallfahrender Krishnas, die in die Richtung strömte, die laut Google Maps die meine war. Überall am Wegesrand gab es kostenloses Essen und auch Wasser. Überall in den Gruppen wurde gemeinsam gesungen. Ich habe das Prinzip nicht verstanden, war aber sehr froh, dass alle an der Tempelanlage vorbei zogen. Kusuma Samowar war tatsächlich mitten im Krishnawahnsinn ein beschaulicher Ort, in dem ich eine sehr angenehme Zeit verbrachte. Klar wollte mich eine Gruppe junger Leute zu Krishna bekehren, aber aufdringlich wurden die nicht. Die wenigen Menschen verloren sich am Wasser und in den Gebäuden. Vor allem: der Besuch war kostenlos.

Den letzten Abend im Hotel verbrachte ich mit indisch gewürztem Essen. Die Warnungen des Restaurantpersonals schlug ich in den Wind. Seitdem erscheint mir jegliche scharfe Küche in Deutschland als ungewürzt.

In Delhi war vieles anders als in anderen Orten, die ich auf meiner kurzen Reise durch Indien erlebt hatte. Wirklich schlimm ist die Luftverschmutzung dort. Ich hatte mehrere üble Hustenanfälle. Schon am späten Nachmittag kommt die Sonne kaum noch durch den Smog. Auf den breiten vierspurigen Strassen fahren problemlos sechs Fahrzeuge nebeneinander. Die Ampeln geben Autos zwei Minuten grün und Fussgängern 20 Sekunden. Mir war das egal. In Indien habe ich gelernt Strassen zu überqueren. Solange du nicht unsicher wirst, passiert dir nichts. Einfach mit gleichmäßigem Tempo gehen, jeder wird um dich herumfahren.

Grandios ist die Metrobenutzung: preiswertestes Fortbewegungsmittel und so faszinierend strukturiert, dass sich jede deutsche Stadt davon eine Scheibe abschneiden könnte. Anders wären diese Menschenmassen vermutlich auch gar nicht durch die Metropole zu bewegen. Zur Sicherheit gibt es an jedem Eingang Metalldetektoren und Taschen werden durchleuchtet. Das dauert natürlich etwas, aber alle sind indisch gelassen. Ich habe sogar erlebt, dass ich wieder in die Menschenschlange an meinen ursprünglichen Platz gelassen wurde, den ich rund eine Minute verlassen hatte. „He, du standest doch hier.“ Im Zwei-Minuten-Takt fahren dann die Bahnen und vor den Türen bilden sich jedes Mal kurze Schlangen. Der Ein- und Auslass dauert nur wenige Sekunden, weil innen ausgestiegen wird und aussen eingestiegen. Dabei gehen alle Einsteigenden direkt im Wagen durch, um Platz für Nachkommende zu machen. An dieser Stelle ist mir dann richtig klar geworden, was Indien so bemerkenswert macht: während in Europa viele Menschen sich als Individualisten verstehen, funktionieren die Menschen in Indien als Kollektiv. Das ist natürlich sehr grob und vereinfachend ausgedrückt, aber der Unterschied ist einfach gewaltig. In Hamburg blockieren zwei Menschen den 3 Meter breiten Gehweg, während in Indien auf gleicher Strecke problemlos 10 Leute Platz finden. Dies hat mich nachhaltig beeindruckt und sehr gut an diesem Land gefallen. Natürlich neben vielen anderen Dingen. Wenn nur die hygienischen Bedingungen nicht wären…

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen und viele Bilder zu zeigen.

Indien hat mich fünf Jahre altern lassen, aber nur im Darm. Im Herzen hat es mir zehn zusätzliche Jahre geschenkt.