Bei meinem zweiwöchigen Aufenthalt in Indien verwendete ich bei rund 90% der Aufnahmen mein 35mm Objektiv. Das habe ich auf dieser Reise wirklich lieb gewonnen. Natürlich eignet sich diese Brennweite auch hervorragend, um Gesichter zu fotografieren. Irgendwann verlangte aber mein Hirn nach Abwechslung und der Portraitfotograf in mir lechzte nach Befriedigung. Zufälligerweise war ich gerade in einer ruhigeren Ecke von Varanasi und die Menschen um mich herum, schienen auch mehr Zeit zu haben. Für belebte Strassenszene mit eben jenem 35er war dieser Teil der Stadt am Ganges nicht so gut geeignet.

So schnallte ich mein Nocti vor die Leica und fragte höflich interessante Gesichter nach Fotos. Einige forderten mich sogar auf, sie zu fotografieren. Die meisten musste ich allerdings mit vielsagenden Händen und sanften Worten überreden, bevor sie für meine zeitraubende Justierung der Schärfeebene mit festem Blick in die Kamera schauten. Ohne Möglichkeit der geregelten Kommunikation ist es besonders schwierig, den nur wenige Zentimeter breiten Schärfebereich genau auf die Augen zu legen. Geringste Bewegungen von Fotograf und/oder Abgebildeten überziehen das Bild mit ungewollt cremiger Unschärfe.

Zwei Stunden fotografierte ich bei natürlichem Licht Gesichter. Beim letzten Bild siehst du schon das erste künstliche Licht im Hintergrund. Da war es gerade erst 17 Uhr. Im November geht die Sonne früh und schnell in Indien unter.

Letztlich war die Idee mit dem 50er an diesem Nachmittag eine gute Entscheidung. Trotz der längeren Brennweite bin ich so näher an die Menschen herangekommen als bei den sonstigen Situationen im Strassengewirr. Besonders glücklich bin ich darüber, dass ich den Abgebildeten das in Indien durchaus übliche Fotografierlächeln ausreden konnte. Vielleicht waren die Leute aber auch nur verwirrt, weil das Fotografieren so lange dauerte.

Erst vier Tage später nutzte ich wieder das Nocti für ein Portrait. Da war ich schon in Agra und fotografierte eins der Mädchen, die ihr Gesicht mit Säure verätzt bekam. Aber das ist eine völlig andere Geschichte…