Kein Durchkommen signalisieren

In den letzten 4 Tagen habe ich sehr viel erlebt. Es war Ausnahmezustand in Hamburg, denn der G20 Gipfel fand hier statt. „Wir können die Sicherheit garantieren.“, hatte Bürgermeister Olaf Scholz vorher verkündet. Ein riesiges Polizeiaufkommen und ständiger Hubschrauberlärm über der Stadt sollten das verdeutlichen. Ich wollte dieses Großereignis direkt vor der Haustür nicht über die Medien erleben und war deswegen oft vor der Tür. Immer hatte ich eine Kamera mit, längst nicht alles habe ich gesehen. Um die ganzen Widersprüche und Ereignisse verarbeiten zu können, zeige ich euch ein paar der Bilder und notiere meine Gedanken dazu – absolut ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und weil ich schon einige Diskussionen im Netz zum G20-Gipfel gelesen habe, möchte ich zunächst betonen, dass ich Polizeigewalt genauso kritisieren kann, wie die von kriminellen Randalieren. Und es ist möglich, positives Erleben mit Polizisten genauso zu beschreiben, wie das mit Gipfelgegnern. Es gibt kein schwarz oder weiß auf der einen oder anderen Seite. Die Diversität in der Gesellschaft ist groß und Widersprüche müssen auch mal aushaltbar sein.

Ein weiterer Satz vom Bürgermeister Olaf Scholz im Vorfeld zum G20 Gipfel in Hamburg lautete: „Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.“ Nun, das hat sich zu keiner Zeit bewahrheitet. Rund eine Woche kreiste fast rund um die Uhr mindestens ein Hubschrauber über der Stadt. Das Polizeiaufkommen war immens. Zum Gipfelstart am Donnerstag waren die Strassen in der Innenstadt nahezu autofrei. Nur Radfahrer und Polizei waren unterwegs und alle waren gespannt, was die kommenden Tage passieren wird.

Donnerstag

Die erste große Demonstration erlebte ich abends am Park Fiction unten am Hafen. Während auf der Strasse St. Pauli Fischmarkt 4 Wasserwerfer und 2 Räumpanzer eine ohne Auflagen genehmigte Demo mit dem für auswärtige martialischen Namen „Welcome to Hell“ (für mich nur eine Anspielung auf den Fangesang im Millerntor) nach wenigen dutzend Metern stoppte, wurde oben direkt neben einer lässig im Gewusel stehende USK Einheit, Bier aus einem Einkaufswagen verkauft. Ich fragte mich noch, wie die Wasserwerfer und Räumpanzer aus der engen Strasse wieder rückwärts ausparken sollten, da ging es auch schon los. Eine lange Stunde hatte die Polizei wegen Vermummter im sogenannten schwarzen Block die Demo aufgehalten, ohne dass es zu Entgleisungen seitens der Teilnehmer im vorderen Teil der Demo kam, die aus meiner Sicht zum überwiegenden Großteil ihre Vermummung mittlerweile abgelegt hatte. Dann knüppelte sich die Berliner Einheit von hinten in den schwarzen Block. Aus meiner Sicht ohne erkennbaren Grund. Nur am Rand sei erwähnt, dass meine Sicht viele Journalisten und auch viele andere Zaungäste teilten. Als ich von oben sah, wie die Polizei plötzlich und unvermittelt von hinten und dann auch von der Seite in diesen Teil der Demo einschritt, war ich froh, dass ich nicht in diesem Block stand. Es ging alles so schnell und war so gewalttätig, dass ich mich wunderte, dass von den Teilnehmern niemand zu größerem Schaden kam als sie über die Hafenmauer flüchteten. Wenn ich da unten gestanden hätte, würde ich jetzt vermutlich nicht mehr schreiben können. Mich hat die Polizeigewalt ehrlich erschreckt. Heute, am Sonntag, sagt die Polizeiführung, dass gar nicht geplant war, dass die Demonstranten über die Hafenmauer flüchten konnte. Es wurde also offensichtlich billigend in Kauf, dass Menschen zu Schaden kommen. Das gibt für mich kein ehrenwertes Bild der Polizeiführung ab.

Freitag

Aber die Fehleinschätzung der Polizeiführung wird noch schlimmer. Freitag morgen zieht eine marodierende Bande durch Altona und legt Feuer in vielen Autos, zerstört Geschäfte. Keine Polizei hält die Krawallmacher auf. Später erklärt der Polizeisprecher, dass sie nicht genügend Kräfte für die Absicherung der Gipfelteilnehmer und der Bürger in Altona hatte. Sie musste sich entscheiden und entschied gegen die eigenen Bürger. Diese Entscheidung wurde Freitag Abend wiederholt. Während rund um die Elphi das Konzert für die G20 Teilnehmer hervorragend gegen offensichtlich friedliche G20 Gegner (einige Sanis verarzten am Strassenrand Kopfverletzungen von Teilnehmern) gesichert war, fehlten die Polizisten an der Kreuzung Schulterblatt/Neuer Pferdemarkt. Etliche Vermummte, die sich vielstimmig unterhielten und deren Sprachen ich nicht verstand, lieferten sich Scharmützel mit der zahlenmäßig zu geringen Polizei. Zwar standen genügend Wasserwerfer herum, aber es fehlte an Beinen. Die Situation vor Ort machte mir persönlich keine Angst, denn ich konnte mit meiner Kamera durch die Steinewerfer gehen und Bilder machen, obwohl ich da eher privat war. Mit mir waren viele akkreditierte Kollegen vor Ort. Offensichtlich waren wir gute Mittel zum Zweck, denn diese Bilder gingen später durch die Welt und prägten das Bild des G20. Soviel Selbstkritik muss sein.

Ich fing allerdings auch an, mit den Polizeikräften Mitleid zu bekommen. Und das sage ich ganz ohne Häme. Da wurden Kräfte verheizt, denn das Gewaltpotenzial und den „Bock den Bullen was zu zeigen“ war auch ohne Sprachverständnis zu spüren. Da ich wußte, wie viele Polizeieinheiten unten an der Elphi standen, war mir auch klar, dass das nicht mehr lange bei kleineren Strassenschlachten bleiben würde. Ich will hier nun wirklich nicht als jemand da stehen, der das alles vorher gewusst hätte. Ganz im Gegenteil. Wie hinterher weite Teile des Schulterblattes auseinander genommen wurde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Und natürlich kann es auch Polizeitaktik gewesen sein, dass diese das fast 4 Stunden haben laufen lassen, damit man dann einen Grund für das SEK hatte. Mein Problem mit dieser Taktik ist, dass dies auf Kosten der Bürger in der Schanze ging. Ich habe mich mit einigen später unterhalten können. Viele haben noch schlimmeres verhindert oder zumindest dies versucht. Interessanterweise schreibt eine Schweizer Zeitung diesen Teil der Nacht zu Samstag auf, der sonst in den Medien keine Beachtung findet.

Samstag

Eine sehr große Demo zieht von den Deichtorhallen ins Viertel. Viele Gruppierungen von denen ich noch nie was gehört habe und bei deren Forderungen auch nur den Kopf schütteln kann, ziehen an mir vorbei. Nahezu alles bleibt ruhig. Überraschend wenig Wasserwerfer zu sehen. Die G20 Delegierten fliegen bald über unsere Köpfe hinweg. Abends in der Schanze das übliche Partyvolk und nur der Hubschrauber erinnert daran, dass irgendwas anders ist. Ach ja: und die kleineren Polizeieinheiten, die immer wieder versuchen ins Viertel zu kommen, aber sich durch spontane Sitzblockaden aufhalten lassen. Ich bin müde und verlasse das Fest. Später sehe ich im Fernsehen, dass wieder massiv Polizei, Wasserwerfer und Spezialeinheiten mit gezogener Waffe ins Viertel marschieren. Der Grund erschließt sich mir zunächst nicht, weil ich ja vorher noch da war und alles soweit ruhig war. Am nächsten Tag erfahre ich von Anwohnern, dass wieder Barrikaden gebaut worden waren. Auch höre ich von Freunden, die bei Polizeieinsätzen verletzt wurden, obwohl sie nichts mit irgendwelchen Krawallleuten zu tun haben und auch nicht schwarz gekleidet sind. Olaf Scholz lässt verkünden, dass die von der Gewalt betroffenen Schadensersatz erhalten sollen. Er spricht ausdrücklich von den Autos und den Geschäften, die von den Randalieren zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ich kann nur hoffen, dass er auch die Betroffenen von Polizeigewalt meint.

Sonntag

Bundespräsident Steinmeier will sich ein Bild machen, unterhält sich aber nur mit der Polizei und einigen wenigen sehr ausgewählten Menschen aus der Schanze. Er verzichtet auf das medienwirksame Bild und flüchtet vor der anwesenden Journaille an der Lerchenwache durch den Hintereingang. Sehr enttäuschend. Findet auch ein aufgebrachter Anwohner: „Was unterhält er sich mit der Polizei? Wir haben doch unser Viertel vor der Gewalt beschützt und die Arbeit der Polizei gemacht.“

In der Schanze herrscht bei strahlendem Sonnenschein gelöste Stimmung. Die private Initiative „Hamburg räumt auf“ putzt das Viertel sauber und nimmt seine Arbeit dabei sehr ernst. Der G20 Gipfel ist nun auch für die Bürger vorbei. Die Eindrücke zu verarbeiten, wird noch eine Weile dauern. Zum ersten Mal in dieser Woche steht kein Hubschrauber am Himmel.