Leica M11
Leica M11 nach vier Monaten Nutzung

Leica M11 – ein Erfahrungsbericht nach vier Monaten

„On peut faire n’importe quoi avec le Leica.“ hat Henri Cartier-Bresson (den Überlieferungen nach) gesagt. „Mit der Leica kannst du alles machen.“ Leica ist mit ihrer M11 diesem – im digitalen Zeitalter schwerer zu erreichendem – Ziel zwei Schritte näher gekommen. Ich hatte im Rahmen eines Beta Tests seit Ende August 2021 ausführlich Zeit die Kamera auszuprobieren. Die technischen Daten findest du vielfältig und umfassend bei anderen dargestellt.

Mir geht es darum, ein Gefühl für das Fotografieren mit dieser Kamera zu beschreiben. Hier mein Erfahrungsbericht zur Leica M11, der nicht ohne technische Informationen auskommt. Ich beschränke mich dabei aber auf das Wesentliche. Unter der Haube steckt in der neuen Messsucherkamer jede Menge Neuerungen. Diese funktionieren und ich brauche darauf nicht besonders einzugehen. Ich habe 99% meiner Fotos mit der Zeit- & ISO-Automatik fotografiert. Wichtig sind die auffälligen und herausstechenden Innovationen, die bei der Verwendung eine echte Erleichterung sind.

Ein Gewinn – zumindest beim schwarzen Modell – ist die Verwendung von Aluminium statt Magnesium Messing im Gehäusedeckel. Die Gewichtsersparnis von rund 110g ist spürbar und willkommen. Nach vier Monaten sehe ich keine ungewöhnlichen Abnutzungserscheinungen. 

Der 60MP Sensor der Leica M11

Für mich überraschend: die Verbesserungen werden nicht trotz, sondern wegen des neuen Sensors mit 60MP erreicht. Ich war anfänglich kritisch, was diese erhöhte Pixeldichte für die älteren Objektive bedeutet. Immerhin ist es eine der Stärken von Leica, dass ich alle Linsen seit Einführung der M3 in 1954 benutzen kann.

Mein 75mm Summilux von 1987 behält jedenfalls weiterhin die wunderbare Zeichnung, für die Besitzer dieser Linse diese lieben. Außerdem kommt es immer darauf an, welchen Bildeindruck ich mit meinen Bildern erreichen will.

Die 60MP sehe ich eher als Chance, sich ein Objektiv zu sparen und gleichzeitig seinen eigenen Sehgewohnheiten näher zu kommen. Mir wurde das deutlich, als ich bei aufgehender Sonne vor der Elphi stand. Ich hatte „nur“ mein 50er Nocti dabei, als ich eine Frau in einem der Fenster des dort beheimateten Hotels sah. Mein Auge fokussierte diese Situation glasklar. Die 50mm allerdings die komplette Elphi. In der Nachbearbeitung konnte ich dann sehr leicht, meine Wahrnehmung mit der Aufnahme in Gleichklang bringen. Die Macht von 60MP.

Am frühen Morgen vor der Elbphilharmonie – so sah es die Kamera…
Stark gecropptes Bild aus der Leica M11
So sah ich die Situation und konnte meine Sicht dank der hohen Auflösung der Leica M11 nachträglich umsetzen

Selbst nachts schlägt sich der Sensor überraschend gut. Das ist nicht unbedingt das Haupteinsatzgebiet eines 60MP Sensors. Deswegen bietet Leica die Möglichkeit, RAWs in niedrigerer Auflösung zu nutzen. Ein besseres Rauschverhalten oder Dynamikumfang konnte ich nicht feststellen. Meiner Erfahrung nach ist es das beste, die größte Auflösung zu nutzen. Spezielle Programme in der Nachbearbeitung holen im Zweifelsfall mehr raus, als der Chip in der Kamera. 

ISO6400 bei der Leica M11
Die Bildqualität bei ISO6400 ist auch in voller Auflösung sehr gut

Erweiterung der Verschlusszeiten durch elektronischen Verschluss

Ein glasklarer Gewinn ist der neue Verschluss und ein Fotografieren jenseits der 1/4000s. Endlich erspare ich meinem Nocti das dauerhafte Tragen eines Graufilter. Anfänglich ist es allerdings äußerst irritierend, wenn die Kamera überhaupt kein Auslösegeräusch macht. Bei einer der ersten Testaufnahmen des kürzlich zugeschickten Bodys vermutete ich einen technischen Defekt. Erst das Drücken des Play Knopfs zeigte mir dann doch zahlreiche Bilder. Der elektronische Verschluss ist eine willkommene Erweiterung der Messsucherkamera.

1/16000s Belichtungszeit bei der Leica M11
Erstmals ermöglicht der elektronische Verschluss der Leica M11 eine Verschlusszeit von 1/16000s bei einer Messsucherkamera. Damit kann ich am helllichten Tag mit dem 50mm Noctilux bei Offenblende fotografieren.

Leica gönnt der Sucheranzeige allerdings keine zusätzliche Ziffer. Wenn ich Belichtungszeiten ab 1/10000s nutze, blinkt die letzte Null. So wird der Unterschied zwischen 1/1000s und einer 1/10000s nicht auf den ersten Blick deutlich. Das spielt im Alltag bald keine Rolle mehr.

Die Auslesegeschwindigkeit der neuen Sensors ist übrigens so schnell, dass auch bewegte Objekte außergewöhnlich selten verzerrt dargestellt werden. Diese technisch bedingte, unschöne Begleiterscheinung eines elektronischen Verschlusses muss dich bei der Leica M11 nicht zurückhalten, ihren vollen Leistungsumfang zu nutzen.

Die Bedienung der Leica M11

Der Verschluss ermöglicht so viele neue Belichtungszeiten, dass die Bedienung etwas ungewöhnlich ist. Willst du die volle Kontrolle über die verwendete Belichtungszeit außerhalb der üblichen 8s bis 1/4000s musst du das Wahlrad oben auf der Leica M11 auf B stellen. „B“ steht eigentlich für Bulb. Bei der neuen Leica ermöglicht diese Radstellung die Einstellung aller Zeiten zwischen 60 Minuten und 1/16000s über den Touchscreen.

Überhaupt der Touchscreen: für M Nutzer neu und komfortabel; für Nutzer der SL2 Serie altbekannt. Und das ist gut. Ich liebe den Touchscreen meiner SL2 und SL2s, denn die wichtigsten Einstellungen kann ich so wirklich sehr schnell verändern. UI kann Leica wirklich. Bei keiner anderen Kameramarke habe ich das Gefühl, dass Fotografen das Menü gestalten. Selbst bei den vielen Neuerung der Leica M11 wirkt das Menü nicht überfrachtet. Und die Funktionen verstecken sich nicht hinter kryptischen Bezeichnungen oder Abkürzungen.

Und sonst so?

Die Leica M11 hat nun einen internen Speicher. Das ist praktisch, wenn du doch eine zu kleine SD Karte eingepackt oder sogar vergessen hast. Der Zugriff auf den internen Speicher ist noch nicht optimal gelöst. Im Laufe der Firmware Iterationen, die ich erleben durfte, hat das Entwicklungsteam von Leica einen tollen Job gemacht. Ich bin mir daher sehr sicher, dass sich dies bald weiter verbessert.

Weitere Neuerungen bringen schöne Erleichterungen. Zum Beispiel der USB-C Port, der es mir ermöglicht, die Kamera praktisch überall zu laden. Da mittlerweile selbst mein Auto mehrere USB-C Ports hat, komme ich praktisch mit einem Akku aus. Dieser ermöglicht eh sehr lange unabhängig vom Akkuwechsel zu fotografieren. Der bei meinen Kameras der SL2 Serie liebgewonnene und bei der Leica M11 übernommene Akkuschnellwechselmechanismus kommt so kaum zum Einsatz.

Fazit

Ich kann von der Leica M11 Positives schreiben. Sie ist der richtige Schritt hin zu einer modernen Messsucherkamera. Sie erhält die Vorteile des Messsuchersystems und erweitert sie mit aktueller Technologie. Leider muss ich die Leica M11 wieder zurück schicken

  1. Du bist und bleibst einfach ein faszinierend guter Fotograf. Wenn ich sehen könnt, wie du siehst… Danke für den tollen Bericht. Habe mir ein Upgrade nach 5 Jahren gegönnt und fühl mich durch deinen Blogpost bestätigt, nichts falsch gemacht zu haben. Freue mich, wenn meine M11 bald da ist. LG

    1. Vielen lieben Dank für deine tollen Worte, die mich erröten lassen – bist du doch der Fotograf, der mich immer wieder inspiriert und antreibt.
      Die M11 wird in deiner Hand strahlen. Glückwunsch zu deiner Entscheidung!

  2. Kann man mit Messsucher und freihändig überhaupt pixelscharf fokussieren bei 61MP?
    Die Leica M war immer beliebt für Fotojournalismus und für künstlerische Straßenfotografie. Beides erfordert eine schnelle Arbeitsweise. Nicht unbedingt riesige Auflösung, aber wenn man sie hat, will man sie ja nutzen.
    Nehmen wir ein klassisches Summicron 2/35 an der M11 und zB das Sigma 2/35 DG DN mit Autofokus oder das manuelle Voigtländer 2/35 Apo-Lanthar an der Sony A7R4, die ja den gleichen Sensor hat, wie die Leica. Kriege ich mit der Sony nicht heute das praxistauglichere Werkzeug zu weit weniger als dem halben Preis?

    1. Moin,
      ich hoffe, du siehst anhand der Bilder, dass scharf stellen nicht das Problem ist. Aus meiner Sicht gibt es für manuelles Scharfstellen auch kein besseres Werkzeug als die Leica M Kameras.
      Mein Bericht ist kein Vergleichstest: ich weiß nicht, was die Sony kann. Aber ich weiß, dass die Farben einer Leica deutlich besser als die einer Sony sind. Und bei kurzen Brennweiten sehe ich auch keinen gravierenden Vorteil einer Autofokus Kamera. Das sieht bei langen Brennweiten natürlich anders aus und steht so auch im Text 🙂

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