Schuhe und Handschuhe von Benedikt Pliquett
Schuhe und Handschuhe von Benedikt Pliquett

Die Handschuhe des Benedikt Pliquett

Um Dir die Wartezeit zum nächsten richtigen Fussballspiel etwas zu verkürzen, habe ich noch eine schöne Geschichte vom Auswärtsspiel des FC St. Pauli in Berlin zu erzählen.

Vor dem Spiel wanderte ich auf Motivsuche durch das Stadion an der alten Försterei, als ich Benedikt Pliquett am Rand des Spielfelds sah. Er band sich gerade die Schuhe zu. Der Farbkontrast zwischen seinen pinkfarbenen Schuhen, der orangenen Werbeplane und dem grünen Rasen fand ich interessant.

Meine Kamera hat wohl etwas zu auffällig mit dem Spiegel geklappert, denn Bene Pliquett sah auf und wollte wohl wissen, wer da was fotografiert. Da ich nur wenige Meter von ihm weg stand und ihn freundlich anblickte, wusste er nun, dass ein schuhebindender Torhüter das Motiv war. Dank meiner Fanladenmütze hat er mich wohl als auf der richtigen Seite stehend identifiziert und schnell seine Handschuhe so hingelegt, dass ich den offensichtlich selbst aufgemalten Schriftzug auch gut lesen kann.

Als er fertig mit dem Schuhe binden war, dreht er sich noch mal um, fragte: „alles im Kasten?“ Er nahm seine Handschuhe, grinste und ging.

Manchmal entwickeln sich aus Dingen, die zunächst belanglos wirken, interessante Ereignisse. Etwas, was ich von Jay Maisel lernte: nicht nach einem bestimmten Motiv suchen, sondern das Gehirn leeren und sich auf das einlassen, was auf einen zukommt. Du weißt nie, was daraus hervorgeht. Deswegen klappt Fotografie auch nicht, wenn der Kopf voll von anderen Gedanken ist.

Und wenn sich aus einer Fotoidee dann vielleicht doch nichts fesselndes entwickelt? So what! Du fotografierst doch eh digital – lösche die Datei halt wieder. Früher™ gab es mal den weisen Spruch: „Pro Filmrolle ein gutes Bild ist eine tolle Quote.“ Warum sollte sich dieses Verhältnis aus der analogen Zeit im digitalen Zeitalter verbessert haben? Also bitte: mehr Mut zum Fehlschuss – ich muss ja nicht alles online zeigen… 😉

Stefan Groenveld
  1. Hey Stefan,

    das waren/sind weise Worte. Die beinhalten die ganze Fotografen Philosophie. Man ist allerdings oft geneigt sie zu verdrängen. Dank für die Erinnerung.

    Gruß aus dem Bayrischen Wald

    Roland

  2. Ich verfolge den Blog schon eine ganze Weile und muss sagen, ich bin begeistert 🙂
    Oft sind es eben doch die einfachen Dinge, die ein gutes Foto ausmachen.

  3. Jay Maisel…

    Ich weiß nicht ob ich ihn jetzt verwechsele, aber ich erinnere mich an ein Foto aus New York, wo (wahrscheinlich) besagter Maisel ewig wartete, bis sich eine purpurfarbene Gardine endlich durch einen Windzug blähte. Er hatte eine hässlich graubraune Fassade samt Fenstern im Visier seines 1000 mm Spiegelteles, als er die Gardine entdeckte und lauerte…

    „Und wenn sich aus einer Fotoidee dann vielleicht doch nichts fesselndes entwickelt? So what! Du fotografierst doch eh digital – lösche die Datei halt wieder. (…) Also bitte: mehr Mut zum Fehlschuss – ich muss ja nicht alles online zeigen…“

    Das ist es! Und das kapieren Legionen von Usern einfach nicht. Wofür Löschtaste/Papierkorb(symbol) in Kamera und Rechner wohl gut sind. Stattdessen wird nach Kauf der neuen Kamera nach ein paar Tagen ins Netz posaunt: „Schon 10.000 Auslösungen…“ Schlimmstenfalls mit Zeigen der Fehlschüsse. Denn FOTOS sind leider nur selten dabei…

    Ralf

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Die Kamera ist für mich der Schlüssel. Mit ihr öffne ich Türen und betrete das Leben anderer Menschen. Manchmal für Sekunden, manchmal für sehr viel länger. Diese intimen Momente begreife ich als Auszeichnung. Als Chance. Und jeder dieser Augenblicke verändert mich und meine Sichtweise.

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