Kein Vergeben, kein Vergessen – mit Günther und Marianne Wilke

Gestern Abend war ich bei der zweiten Veranstaltung in der Reihe „Kein Vergeben, kein Vergessen“ in den Fanräumen vom FC St. Pauli. Zu Gast waren diesmal Marianne und Günther Wilke. Marianne Wilke ist 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz für ihre „über Jahrzehnte herausragenden Verdienste in der Erinnerungsarbeit“ ausgezeichnet worden. So formulierte es der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Albig bei der Übergabe. Sie selbst sagte gestern, dass sie die Auszeichnung angenommen habe, obwohl so viele Ex-Nazis vor ihr das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ bekommen haben. Nicht so sehr für sich, sondern für ihre vielen Mitstreiterinnen und Mitstreiter, denen diese Ehre nicht zuteil wurden. „Aber unter uns“, gab die 85-jährige schmunzelnd zu, „jetzt liegt das Ding auch nur irgendwo rum.“

Günther Wilke ist während des Nationalsozialismus in einem sozialistisch geprägten Elternhaus in Hamburg aufgewachsen. Einer seiner Verwandten hat auf das „Heil Hitler“ der Nachbarn mal geantwortet: „Der heißt nicht Hein Hitler, der heißt Adolf.“ Das war damals sehr mutig, schließlich gab es „Erziehungslager“ für Leute, die „nicht ordentlich deutsch grüßen können“.

Für mich waren die Ausführungen des Ehepaares Wilke vor allem deswegen interessant, weil der alltägliche Rassismus unter der Naziherrschaft beleuchtet wurde. Die Veränderungen besonders für Marianne Wilke als Tochter einer deutschen Mutter und eines deutschen Vaters jüdischen Glaubens, der im ersten Weltkrieg mit dem „Eisernen Kreuz“ ausgezeichnet wurde, waren mitten in Hamburg enorm. Die Brandmarkung durch den Judenstern, den sie auch als Halbjüdin tragen musste, war nur die offensichtlichste. Schon 1935 wurde die Ehe ihrer Eltern per Gesetz für nichtig erklärt, nach 14 Ehejahren. Mit ihren Lebensmittelkarten wurde sie oft abgewiesen, da diese mit einem „J“ gekennzeichnet waren und einige Kaufleute nicht an Juden verkaufen wollten. Aus ihrer Drei-Zimmer-Wohnung mussten sie raus und der vierköpfigen Familie wurde eine Einzimmerwohnung zugewiesen. Die Strasse durfte sie abends nicht mehr betreten. Der Vater durfte nicht mehr mit der Strassenbahn zur Arbeit fahren und verlor seinen Job, obwohl sein Chef das nicht wollte. Ab 1943 durfte Marianne Wilke die Schule nicht mehr besuchen. Im Februar 1945 musste ihr Vater sich zur Deportation ins KZ melden – da hatten die Russen das KZ Auschwitz schon befreit.

Marianne Wilke richtete eindringliche Worte an die fast 100 Anwesenden. Die Unterscheidung der Menschen während der Nazi-Herrschaft in zwei Klassen dürfe nie wieder geschehen. Leider ist die aktuelle Diskussion um Flüchtlingspolitik genau wieder von dieser Unterscheidung geprägt. Sie zitierte zum Schluss ihrer Ausführungen eine Textzeile der Musikgruppe „Die Ärzte“:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist, es wär` nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!

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8 comments

  1. Vielen Dank, dass du ein wenig von dem wiedergibst, was das Ehepaar Wilke erzählt hat. Wir können uns (glaube ich) überhaupt nicht vorstellen, wie es sein muss, in so einer feindlichen Atmosphäre leben zu müssen, heute wie damals. Gut, dass es Überlebende gibt, die davon berichten können.

    1. Stimmt schon, was du sagst. Das Problem ist: einige müssen in einer ähnlich feindlichen Atmosphäre leben, auch in Deutschland. Schau nur mal auf die nahezu allabendlichen Polizeikontrollen in der Nähe der Hafenstrasse, die überwiegend rassistisch begründet sind.

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