Multilayer shot taken in Varanasi
Multilayer shot taken in Varanasi

Ein langweiliges Bild aus Indien

Es mag dir merkwürdig erscheinen, dass ich dir ein solches Bild zeige. Auf den ersten Blick nichts besonders zu sehen, hat diese Momentaufnahme für mich eine besondere Bedeutung. Solche – sogenannte Multilayer -Fotos zu machen, war für mich ein Grund, nach Indien zu reisen.

Zwei Schwächen hat das Bild, das bei Assi Ghat in Varansi entstand: in der linken Ecke passiert nichts – daher der Hinweis in meinem Beitrag zum Workshop bei Maciej Dakowicz, dass wir Workshopteilnehmer auf der ständigen Suche nach Hunden in Bildecken waren – und es fehlt eine emotionale Komponente. Das Foto stellt eine eher alltägliche Situation auf einem nicht so stark belebten Platz in einer indischen Kleinstadt dar (Varanasi hat gerade mal 1,3 Millionen Einwohner).

Trotzdem mag ich dieses Bild (das Anklicken von X über dem Text stellt es größer dar), denn es ist eben nicht nur ein Schnappschuss, sondern ein ziemlich sauber durchkomponiertes Bild. Dank stark geschlossener Blende ist es von vorne bis hinten scharf. So entspricht es einer sehr natürlichen Sichtweise, was der Normalität der Szene Vorschub leistet. Viele Details sind auf dem ersten Blick nicht zu erkennen, landen aber beim längeren Verweilen im Bild trotzdem beim Betrachter. Wie zum Beispiel das exakt positionierte Augenpaar rechts im Aufstelldreieck der Leiter. Auch der verzweifelte Mensch links oben könnte eine weitere Geschichte im Bild erzählen. Oder wo ist der Barbier zum sauber eingeschäumten Gesicht rechts oben?

Ich habe bei dem Entstehungsprozess des Bildes viel gelernt. Langsam erst näherte ich mich der endgültigen Kameraposition. Das Potenzial der Szenerie hatte ich früh bemerkt, aber um die Geschichte des Platzes sauber einzufangen, benötigte ich viele Zwischenschritte und auch minimale Korrekturen. Letztlich musste ich dann noch warten, bis jemand durch das Bild geht, um das Foto rund um den Mülleimer links füllen zu können. Und natürlich musste dieser Schritt exakt im Dreieck der gehenden Beine festgehalten werden. Dabei hatte ich dann Glück, dass der eigentlich im Vordergrund des Geschehens stehende Maler den Pinsel genau waagerecht hielt, somit mit dem Hintergrund verschmilzt und sein untätiger linker Arm die beiden Personen hinter ihm teilte, aber nicht verdeckte. Maciej hatte vorher in einem seiner Impulsreferate gesagt, dass ich beim Fotografieren Geduld aufbringen müsse: „Irgendwas wird passieren. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“ Das bringt das Wesen der Strassenfotografie auf einen seiner wichtigen Punkte: du stehst da und wartest, dass was passiert. Oft genug passiert allerdings auch nichts. Oder erst, wenn du es nicht mehr erwartest und daher die Situation verpasst.

In meinem Versuch möglichst viele Menschen mit ihren Nasen (also von vorne oder seitlich fotografiert) in ein Bild unterzubringen, ist dieses Foto der erste gelungene Versuch. Deswegen hat diese Momentaufnahme für mich eine besondere Bedeutung.

Stefan Groenveld
  1. Man „schlendert“ durch dieses Bild, es erschlägt einen nicht mit Informationen und wie du es beschrieben hast, entdecke ich lauter kleine Geschichten. Ein Bild, das auf den 2. Blick wunderschön ist! Respekt!

  2. Das Bild ist in seiner Wirkung sehr interessant. Bei dem Maler bleibe ich gar nicht hängen, aber sofort bei den beiden im Hintergrund, den Hunden und dem „verzweifelten“ Mann links im Bild, was in der Blickführung begründet ist . Dann drängt sich der sich am Handy räkelnde Mann in den Vordergrund und am Schluss der Mann rechts im Profil.
    Sehr interessant, wie du die Entstehung des Bildes beschreibst und wie es auf mich wirkt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man warten muss und einige glückliche Zufälle braucht, um ein solches Bild zu perfektionieren. Ein Glück aber auch, dass die Menschen auf diesem Bild dich ignorieren und nicht in deine Kamera starren. Ich könnte eine Serie Street-Fotos posten, auf denen mich Leute direkt anstarren, was das Bild meistens zerstört, weil man dieses direkten Blick in diesem Genre selten will. Ist dir das in Indien überhaupt mal passiert oder ignorieren die Menschen, das sie fotografiert werden?

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Die Kamera ist für mich der Schlüssel. Mit ihr öffne ich Türen und betrete das Leben anderer Menschen. Manchmal für Sekunden, manchmal für sehr viel länger. Diese intimen Momente begreife ich als Auszeichnung. Als Chance. Und jeder dieser Augenblicke verändert mich und meine Sichtweise.

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