Seit geraumer Zeit schiessen Fashionblogs aus dem Internetboden, die Menschen auf den Strassen fotografieren. Sie gehen der durchaus interessanten Frage nach, welche Kleidung im Alltäglichen getragen wird. Die spannenden Klamotten darunter sind Mode.

Und wer hat diese Art der Fotografie erfunden? Ich weiß es nicht, aber Bill Cunningham macht das jetzt seit Ende der 1970er Jahre. Und er macht es immer noch. In New York ist der mittlerweile über 80-jährige täglich mit seinem Fahrrad und seinen Kameras unterwegs und spürt die Fashion-Trends der Zeit auf. Grund genug für Richard Press eine Dokumentation über Bill Cunningham zu filmen.

Auf einen flüchtigen Blick scheint Bill Cunningham nur ein kauziger alter Mensch zu sein, der in seiner Zeit stehen geblieben ist. Er fotografiert nach wie vor auf Film und seine Wohnung besteht im Wesentlichen aus Aufbewahrungsschränken für Filme und Kontaktabzüge aus mehreren Jahrzehnten. Die Dokumentation zeigt, dass bei Bill Cunningham mehr dahinter steckt als ein alter Mensch, der in New York irgendwelchen Menschen hinterher springt. Es hat durchaus seinen Grund, dass seine Bilder jede Woche in der New York Times erscheinen. Hier zum Beispiel die heutige Seite aus der NYT.

Bill Cunningham hat Spaß bei der Arbeit, lebt überaus spartanisch und hat einfach eine wunderbare Einstellung zu dem, was er macht. „Es sind nicht die Promis, es ist die Kleidung“, sagt er zum Beispiel bei der Verleihung des Ordens der Künste und der Literatur durch den französischen Kulturminister 2008 – bei der er natürlich wie selbstverständlich die Anwesenden fotografiert. „Wenn sie dich nicht bezahlen, können sie dir auch nicht vorschreiben, was du fotografierst.“ Sein Statement zum Beginn seiner Karriere, als er mit seinem Stil die Modebilderstrecken in Zeitschriften revolutionierte. Wenn er zu Galadinner eingeladen wird, nimmt er nicht am Essen teil – er schlägt sogar das Angebot nach einem Glas Wasser aus. Er hält Abstand zu denen, die er fotografiert und lächelt. Er macht sich nicht gemein, läßt sich nicht kaufen. „Money is the cheapest.“ Geld ist billig – aber menschliche Größe ist nicht kaufbar.

Das macht seine Bilder so besonders. Sie sind nah, freundlich und geben Acht auf den Fotografierten. Diese Haltung mag ich. Sehr.

Die wunderbare 84-minütige Dokumentation ist zwar von 2010, aber bis solche Low-cost-Produktionen den Weg auf DVD und über’n Teich finden, dauert es etwas. Über Bill Cunningham gibt es eben einen Wikipedia-Eintrag nur in Englisch und Französisch – einen Vertrieb für die DVD in Deutschland ist mir nicht bekannt. Amazon hilft. Die englischsprachige DVD scheint „region free“ zu sein, denn ich konnte sie problemlos sehen. Und es lohnt sich. Finde ich.