Manchmal gibt es wunderbare Zufälle. Letzte Woche erst habe ich mich sehr gefreut, ein sogenanntes Webinar mit Joe McNally verfolgen zu können. Ich mag diesen Menschen und großartigen Fotografen einfach, denn er nutzt Systemblitze so, dass sie nicht auffallen. Oder wie es bei dem Webinar der Moderator formulierte: „available light – well, it’s all light that is available“.

Dank eines glücklichen Umstandes konnte ich nun gestern Joe McNally live erleben. In einem sechsstündigen Seminar in Hamburg hat er die Vorzüge und Nachteile von Nikon’s CLS System gezeigt. Angefangen von einem Blitz bis zur Verwendung von 5 Systemblitzen (SB-900 und SB-800) hat er den Aufbau und die Funktionalität von Lichtsetups erklärt. Seine Kamera war die ganze Zeit mit einem Kabel an sein Laptop angeschlossen, das Monitorbild wurde über einen Beamer an eine große Wand projiziert und die Anwesenden konnten sofort sehen, welche Auswirkung eine Änderung am Setup hatte. Dabei konnte ich dann auch direkt feststellen, dass wenn das Licht richtig eingesetzt wird eine Bildbearbeitung gar nicht mehr notwendig ist.

Joe McNally vor einem seiner während des Workshops gestalteten Fotos

Es war eine kleine Veranstaltung mit ca 30 Berufsfotografen im Auditorium und Joe McNally hat sehr ruhig und sachlich – also längst nicht so ausschweifend wie in seinen Büchern und trotzdem unterhaltsam – die Themen angesprochen, die die Zuhörer interessieren. Warum nutzt er TTL und ab welcher Problemstellung muss er auf den manuellen Modus der Blitze zurückgreifen? Wie leicht oder schwierig ist es, das TTL Signal an alle Blitze zu senden? Wie kann man kleine Blitze wie große Lichtquellen aussehen lassen und wann ist das sinnvoll? Welche Lichtmodifizierer nutzt er und welche Probleme gibt es mit diesen?

Wer seine Bücher kennt, kennt auch die Antworten auf die Fragen, aber es ist natürlich interessant zu sehen, wie er mit diesen Schwierigkeiten umgeht und sie löst. In Kurzform die Antworten auf die Fragen für die Leute, die seine Bücher nicht kennen: TTL ist sehr flexibel und sehr schnell, besonders bei wechselnden Lichtverhältnissen. Außerdem können bis zu drei Gruppen von Blitzen mit einem Gerät (Blitz oder SU-800) direkt an der Kamera justiert werden ohne, dass ich alle Blitze einzeln händisch einstellen muss. Manchmal erzeugt die TTL Messung aber nicht das Ergebnis, das ich mir wünsche und dann kann ich immer noch auf den manuellen Modus zurückgreifen, habe aber immer noch den Vorteil den Blitz von der Kamera aus steuern zu können. Ferner besteht im TTL Modus die Möglichkeit im Hi-Sync Modus zu fotografieren, d.h. ich bin nicht auf die Blitzsynchronisationszeit von maximal 1/250s angewiesen, sondern kann noch kürzere Belichtungszeiten nutzen. Das größte Problem ist eigentlich das TTL Signal drahtlos an alle Blitze zu bekommen. Daher kann es sinnvoll sein mit einem Verlängerungskabel (SC-28 oder SC-29) den Blitz oder SU-800 von der Kamera zu nehmen und so auszurichten, dass das Signal von allen Blitzen gesehen werden kann. Ich kann bis zu drei Verlängerungskabel hintereinander schliessen. Der SU-800 sendet wesentlich gerichteter, was bei größerer Entfernung hilfreich sein kann und bei Blitzen, die in der Querachse weit auseinander stehen ein Nachteil sein kann. Manchmal kann man das Signal auch mit einem Reflektor um die Ecke lenken. Um kleine Blitze wie große Lichtquellen aussehen zu lassen ist es notwendig das Licht zu streuen und möglichst dicht an das Objekt heran zu kommen. Ein solches Licht ist angenehm für weibliche Personen, Männer vertragen härteres Licht. Je gebündelter das Licht beim Objekt ankommt, um so genauer muss es ausgerichtet sein. Deswegen sollte das Objekt selbst überprüfen, ob er oder sie die Lichtquelle sehen kann.

Ihr seht also, dass in den wenigen Stunden sehr viele unterschiedliche Themen angesprochen wurden. Joe McNally wollte uns eben auch möglichst viele Optionen aufzeigen. Es war wirklich faszinierend zu sehen, wie er die Struktur eines Raumes wahrnimmt und mit Licht und Linse dem Raum Tiefe gibt und das alles positiv für ein besonderes Portrait nutzt.

Letztlich ist es aber wichtig, dass jeder die Möglichkeiten selbst ausprobiert. Vom Zuschauen ist noch keiner ein toller Fotograf geworden, aber manchmal kann es sehr hilfreich sein anderen zu zuschauen, um neue Ideen zu sammeln.

Angst vor Fehlschlägen sollte dabei keiner haben. Oder wie Joe McNally es ausdrückte: „seien wir doch mal ehrlich – die meisten unserer Kameraauslösungen sind Schrott“.