Ein Buch von Fotografen und mit Fotografen – sehr lehrreich und nicht ein Wort über Belichtungszeiten, Blenden oder ISO. Ein bewegendes Buch, bei dem ich mir mehrfach die Tränen aus den Augen wischen musste, aber auch laut lachte – wenn auch eher wegen der Absurdität der geschilderten Ereignisse. Es ist auch ein hilfreiches Buch, um Nachrichten im TV und Print generell besser zu verstehen.

Ein Tod, den niemand dokumentiert, ist ein vergessener Tod. Man kann das auch umdrehen: Wenn du einen Tod dokumentierst, wirst du ihn nicht vergessen können.

(Takis Würger, Spiegel)

Bilderkrieger enthält 20 Interviews mit Fotografen, die aus unterschiedlichen Kriegen ihre Bilder liefern. Interviews mit großartigen und ausgezeichneten Fotografen – die teilweise nicht mehr leben. Der Hinweis auf dem Umschlag, dass das Buch nicht für Kinder geeignet ist, steht da meiner Meinung nach zurecht. Dabei werden kaum Bilder im Buch gezeigt, erst recht keine brutalen oder besonders blutige. Aber wenn Du mit sehr harten Realitäten nicht zurecht kommst, bitte ich dich jetzt auch hier nicht weiterzulesen.

Das besondere an dem Buch ist, dass der amerikanische Fotograf Michael Kamber mit seinen Kollegen auf Augenhöhe spricht: Gespräche unter Freunden. Man kennt sich aus den Krisengebieten und hat Angriffe gemeinsam erlebt. Das sorgt für eine besondere Gesprächsatmosphäre und Vertrautheit. Das fällt auf, wenn du zum Interview mit Fr. Niedringhaus kommst, das es nur in der deutschen Ausgabe gibt. Der deutsche Übersetzer Fred Grimm hat es zusätzlich geführt und für den deutschen Markt ins amerikanisch-geprägte Buch eingefügt. Es ist deswegen nicht schlechter oder uninteressanter als die anderen Interviews – ganz im Gegenteil – es hat einfach nur andere Tonalität. Anja Niedringhaus beschreibt das selbst: „Die Konkurrenz nimmt eigentlich ab, je gefährlicher es wird. Und da sieht man eigentlich immer die gleichen Leute. Da sind echte Freundschaften entstanden. Man trifft sich auf Hochzeiten, bei Taufen.“

Buchseite aus BILDERKRIEGER

Die interviewten Fotografen werden mit einem sehr kurzen Einleitungstext vorgestellt und nach dem Interview zeigen sie eins ihrer Bilder aus dem Krieg. Dazwischen liest du über Menschen, die kein Fleisch mehr essen, weil sie der Geruch an die Autobomben erinnert. Wie Fotografen einhändig fotografieren und mit der anderen Hand die Hand der Verwundeten festhalten. Francesco Zizola berichtet, wie er fast von Rebellen erschossen worden wäre, bis der Rebellenführer seine Kamera sah, zwei gefesselten Gefangenen den Kopf abschlug und mit diesen dann vor Zizolas Kamera stolz posierte. „Meine Therapie war es, ein paar hundert Meter weiter den Film aus dem Wagen zu werfen.“ Rita Leistner erzählt die absurd anmutende Geschichte von der katastrophalen Essenslage unter den US Soldaten kurz nach dem Beginn des Irakkriegs – bis Gazellen in Saddams Palastgarten entdeckt wurden. „Viele der Soldaten kamen aus dem mittleren Westen, konnten jagen und wussten, wie man Wild ausnimmt. Bald veranstalteten wir Barbecues. (…) Einheimische brachten uns Gemüse …“

Die Interviews sind in drei Überkategorien sortiert: Mission, Krieg, Narben. Im Buch geht es hauptsächlich um den Irakkrieg, aber die geschilderten Situationen sind auf alle Konflikte ausdehnbar. Auch die Veränderung der Berichterstattung wird deutlich, weil das Militär bewusster mit der Wirkung der Bilder umgeht. Dazu zählt auch, dass es nach den Genfer Konventionen mittlerweile verboten ist, Gefangene zu fotografieren. Fotografen haben sich oft auch als Schutzschild der Gefangenen gesehen. Es kommt zum Frust der Fotografen, wenn dein Bild nicht gedruckt wird, weil ein Redakteur im fernen Büro nicht glaubt, dass das Bild für diesen Krieg spricht. Oder nicht zu den Farben der daneben stehenden Anzeigenseite passt.

Was mich bei allen Fotografen sehr bewegt hat, war die Einstellung zu den Abgebildeten. „Wenn ich die Soldaten fotografiert habe, hatte ich eigentlich immer eine Unterschrift von ihnen, dass sie mit der Veröffentlichung des Fotos einverstanden sind. Es gab Momente, da war das nicht möglich, da habe ich fotografiert und die Unterschrift später im Krankenhaus eingeholt, wenn die Männer wieder ansprechbar waren. (…) Für eine Einwilligung bin ich bis nach Redmond, Virginia, in die USA geflogen, um mit dem verletzten Soldaten zu sprechen.“ (Anja Niedringhaus) Oder Patrick Chauvel: „Ich kann es einfach nicht ertragen, die Syrer zu sehen, wie sie mit erhobenen Händen um Hilfe bitten. Ich möchte etwas tun. Ich weiß, wie man Bilder macht und mit der Angst umgeht. Ich bin an den Krieg gewöhnt und kann das vielleicht besser als andere. Der Punkt für mich ist: Wie kann ich diesen Menschen helfen?“

Bilderkrieger“ ist ein sehr lehrreiches Buch. Wer mit seiner Kunst an der Kamera im journalistischen Sinne was anfangen will, sollte es auf jeden Fall gelesen haben.