Muss ich wirklich die teure Linse kaufen?

Gerade gestern hat Nikon ein neues 24mm Objektiv mit Offenblende f/1.4 angekündigt – zu einem Preis von läppischen 2150€. Bei einem solchen Schnäppchen fragt sich natürlich jeder: “muss ich die haben?”

Die Frage wird wohl viel zu selten gestellt. Immer neue Megapixelboliden holt sich jeder gern ins Haus, aber in gute Optiken wird meiner Beobachtungen nach viel zu selten investiert. Dabei halten Optiken viel länger als Kameragehäuse. Spätestens nach 2 Jahren ist auch die beste Kamera technisch veraltet und spätestens nach 4 Jahren muss eine neue her. Optiken sind langlebiger. Diese Schmetterlingsaufnahmen wurden mit einem über 30 Jahren alten Objektiv gemacht. Die Langlebigkeit gilt aber natürlich auch für preiswerte Linsen. Welchen Vorteil bietet ein teures Objektiv darüber hinaus?

OK, gute Optiken müssen gar nicht teuer sein, aber meistens sind sie es. Der große Vorteil dieser Linsen ist ihre große Offenblende. Und die große Offenblende bringt eigentlich zwei – wenn nicht sogar drei – Vorteile. Erstens ist das Sucherbild heller.  Zweitens habe ich mit einer größeren Offenblende die Möglichkeit besser freizustellen. Und außerdem haben teure Linsen in der Regel neun gerundete Lamellen – und das macht das schöne Bokeh.

Gerade die Möglichkeit freizustellen ist wahnsinnig wichtig, um das Auge des Betrachters auf die bildwichtigen Elemente hinzuweisen. Und das ist im weitwinkligen Bereich umso wichtiger, weil die Tiefenschärfe auch bei relativ kleinen Blendenwerten relativ groß ist.

Was heißt das nun konkret? Ich habe bei mir um die Ecke mit drei unterschiedlichen Objektiven ein kaputtes Fahrrad im Schnee fotografiert – immer mit der Offenblende der jeweiligen Optik. Das Motiv ist vielleicht nicht der Hammer, aber ich musste ja etwas wählen, was sich nicht bewegt.

Verglichen habe ich ein AF-S 18-55mm f/3.5-5.5 (ja, das ist eigentlich ein DX Objektiv, aber es vignettiert nicht bei 35mm an FX), ein AF-S 17-35mm f/2.8 und ein AI-S 35mm f/1.4. Die Entfernung zum Fahrrad war nicht ganz ein Meter. Und hier sind die Ergebnisse.

Alle Bilder sind so aus der Kamera gekommen, nur für’s Web verkleinert und sonst nicht weiter bearbeitet worden.

Von der besonderen Charakteristik des alten 35mm Objektivs mal abgesehen ist die Schärfe an den Fahrrädern hinten rechts bei dem preiswerten Objektiv deutlicher sichtbar als bei den anderen Linsen und in diesem Fall lenkt sie auch ein wenig vom eigentlichen Motiv ab. Ferner finde ich das Bokeh etwas unruhig.

In der Verkleinerung wird das vielleicht nicht so richtig deutlich, deswegen hier ein 100% Ausschnitt aus dem unscharfen Teil des Bildes. Zunächst das AI-S 35mm f/1.4

AI-S 35mm f/1.4


Und dann das AF-S 18-55mm f/3.5-5.5

AF-S 18-55mm f/3.5-5.5


Ich denke hier sind die Unterschiede deutlich zu sehen: ablenkende Schärfe und unruhiges Bokeh – wobei ich gerne zugebe, dass ich schon schlechteres Bokeh gesehen habe.

Ach so – die Preise! Da ich nicht von allen Objektiven aktuelle Preise aus Deutschland bekommen habe, nenne ich euch die Preise von B&H Photo in den USA und in US-Dollar:

  • AF-S 18-55mm f/3.5-5.5  - ca 100$
  • AF-S 17-35mm f/2.8 – ca 1700$
  • AI-S 35mm f/1.4 – ca 1000$ (Das Objektiv wird nur noch auf Vorbestellung gebaut)

Ob Dir der Qualitätssprung diesen Mehrpreis wert ist, musst Du natürlich selbst wissen. Ich würde das für mich bejahen, denn es eröffnet mir mehr Möglichkeiten der Bildgestaltung. Das bedeutet aber nicht, dass ich immer das Beste haben muss. Im Zweifelsfall gilt: “less gear, more brain” ;)

Und nicht, dass ihr glaubt ich hätte einen Dukatenesel im Garten: meine Objektive habe ich schon vor längerer Zeit gebraucht gekauft und da waren sie längst nicht so teuer :)

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16 Kommentare Abonniere Kommentare

  1. Merci Stefan. Dem ist nichts hinzu zu fügen.

    [Antwort]

  2. 2
    macdentgiver/scharbeutzi 
    10. Feb 2010 @ 19:16Uhr

    Schöner Artikel.
    Super geschrieben!
    Toll mit den Fotos zum Vergleich!
    LG

    [Antwort]

  3. WOW – sehr interessant!

    [Antwort]

  4. Sehr schöner Beitrag! :)

    [Antwort]

  5. Hallo Stefan,
    danke für den Artikel. Ja, wir brauchen es nicht wirklich, aber es macht mehr Spaß und der “Must have” Faktor ist schon da. Deshalb machen wir aber keine besseren Bilder.
    Wer aber schon mal (nicht ich) Leica gekauft hat, erscheint das Nikkor wie ein Sonderangebot ;-) )

    VG Markus

    [Antwort]

  6. Stefan, meiner Meinung nach vergleichst Du hier Äpfel mit Birnen. Wenn Du schon die Schärfe (DOF) am Fahrrad als Bewertungskriterium anführst, dann zeige auch zum Vergleich die Aufnahme bei gleicher Blende.

    Erinnert mich an einen Vergleich zwischen Fiat 500 und einem Formel 1 Boliden. Mit welchem Fahrzeug kann man besser Sand zur Baustelle transportieren?

    [Antwort]

    Stefan Groenveld Antwort vom Februar 14th, 2010 14:53:

    Natürlich vergleiche ich Fiat500 mit Formel 1 Boliden. Aber darum geht es doch gar nicht!
    Es geht um die Möglichkeit, Objekte durch die entsprechende Blende freistellen zu können. Es geht um die Möglichkeit, die Blickführung durch das gezielte Einsetzen von Unschärfe zu lenken. Das kann ich mit einer preiswerten Optik nicht. Ob mir das den Mehrpreis wert ist, muss aber jeder selbst entscheiden. Deswegen ja auch die Eingangsfrage: “Muss ich wirklich die teure Linse kaufen?”

    [Antwort]

    Axel Antwort vom Juli 20th, 2010 12:14:

    @Stefan Groenveld,
    Ich muss Einauge recht geben, es gibt auch deutlich günstigere Linsen, die eine Blende erlauben. Deine Fragestellung ist dann irreführend, du solltest eher fragen: (Wozu) brauche ich eine große Blendenöffnung?
    Der Preis der Linsen ist ja viel mehr durch Qualität und Technikschnickschnack (Zoom etc) bestimmt und hängt nicht (nur) davon ab, welche Blende man einstellen kann.

    [Antwort]

    Stefan Groenveld Antwort vom Juli 20th, 2010 12:34:

    @Axel, Danke für Deinen Kommentar. Die Frage “wozu” habe ich aber doch meiner Meinung nach beantwortet: zur Freistellung von Objekten und damit zur Blickführung.

    Axel Antwort vom Juli 20th, 2010 12:57:

    @Stefan Groenveld,
    ja, die Frage hast du sogar sehr gut beanwortet.
    Ich hatte mir beim Lesen allerdings erhofft, etwas über den Mehrwert teurer Linsen bei gleichen Spezifikation zu erhalten. Du vergleichst ja komplett verschiedene Linsen.
    Um konkret zu werden, ich möchte mir ein 50mm Festbrennweitenobjektiv holen. Das gibts für Canon-Kameras von knapp über 100€ (dann mit f1.8) bis 500€ (mit f1.4). Der Blendenunterschied dürfte mit ca. 30% nicht so stark ins Gewicht fallen, der UltraSonic Motor ist natürlich sehr komfortabel, robust und teuer… aber ist die Qualität der Optik spürbar besser?

    [Antwort]

    Stefan Groenveld Antwort vom Juli 20th, 2010 13:03:

    @Axel, Optiken qualitativ zu bestimmen ist ein aufwändiger Prozess. Das kann ich gar nicht leisten. Hierfür empfehle ich Dir die Seite http://www.photozone.de/
    Dort findest Du auch deine beiden Linsen, die Du ins Auge gefasst hast.

  7. …oder man kauft sich einfach eine Prime.

    Man muss mehr schrauben, aber eine Nikon AF-S DX Nikkor 35mm 1:1,8G kostet bei Amazon < 190 € und mit 1,8 kann man auch schon super freistellen.

    Wenn's FX sein muss, darf man eh nicht auf den Preis gucken.

    jm2c

    [Antwort]

  8. Ich kaufe gerne teure Linsen. Nicht aber weil diese einfach Teuer sind, weil die Schärfe, die Abbildungsleistung, die Lichtstärke, Faktoren sind, die es mir erlauben den Moment so einzufangen wie ich will. Meine kreativen Möglichkeiten sind nicht duch das Werkzeug beschränkt.

    Der Hauptgrund ist aber jener, dass der Wiederverkaufswert selten schlecht, resp. der Abschreiber selten hoch ist bei solchen Linsen. Und dann ist der Preis wieder zu relativieren.

    Beste Grüsse
    Yves / Der Bebilderer

    [Antwort]

  1. RT @rim_light: Muss ich wirklich die teure Linse kaufen? http://bit.ly/cPcuMs

  2. RT @rim_light: Interessiert euch der Unterschied zwischen preiswerten Objektiv und teurer Linse? … http://bit.ly/cVnaRH Lesebefehl!!!

  3. [...] # Stefan Groenveld hat mal 3 Nikon Linsen genommen, ein Fahrrad fotografiert und sich die Frage gestellt: Brauche ich die Teuerste? [...]

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das ist mein besonderer Ansporn, meine Motivation zur Arbeit mit der Kamera. Ob spontan, oder inszeniert, im Atelier oder "on location" — immer wieder möchte ich neue Ideen und Stories bildhaft auf den Punkt bringen. Mit diesem Blog möchte ich meine persönlichen Erfahrungen mit anderen Photographie-Interessierten teilen.
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